Spanisch – Los Superdemokraticos http://superdemokraticos.com Mon, 03 Sep 2018 09:57:01 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.8 Spanisch verstehen http://superdemokraticos.com/themen/globalisierung/spanisch-verstehen/ Wed, 21 Mar 2012 10:57:00 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=6316 Unsere Übersetzerinnen der Agentur In-Kult ziehen ein Fazit: Übersetzungsschwierigkeiten, Herausforderungen, Ansprüche und Fehlerteufel beim Hin und Her zwischen den Sprachen Spanisch und Deutsch.

In einem fremden Land lernt man mit vielerlei Dingen zurechtzukommen, ohne sie nachvollziehen zu können. Man weiß wie das System funktioniert, oder wie es gerne funktionieren würde. Man lernt nette Gesten und nicht ganz so nette Gesten voneinander zu unterscheiden. Man lernt Ironie zu verstehen und Witze zu kapieren. Aber es werden immer genug Dinge übrigbleiben, die einfach komplett unbegreifbar sind. Wenn man als Übersetzerin arbeitet, setzt man sich damit auseinander, mit den verschiedensten Ausdrücken, Sätzen oder Wortspielen, die ungefähr zwei Seiten Erläuterung benötigen würden, um sie in all ihren Bedeutungen übersetzen zu können.

Natürlich, das ist die Essenz einer Sprache, und genau darum geht es: zu übersetzen, aber es gibt immer wieder Sätze, die wesentlich weiter vom Original entfernt sind als andere. Hier sind ein paar Beispiele, die wir bei der Übersetzung der LSD-Texte durchlebt haben:

„La felicidad“, man hört es in fast jedem spanischen Lied. Bekannt, aber unübersetzbar bleibt dieses Wort für uns, weil wir uns jedes Mal für ein Teil seiner Bedeutung entscheiden müssen. Glück, Glücksgefühl, Glücklich-Sein, aber als eigenständiges Substantiv. „La felicidad“ ist ein Lebenseinstellung, ein Lebensziel… das oberste Ziel des Lebens sogar, und Glück scheint im Deutschen eher zufällig und vorübergehend.

So wie wir es in Deutschland ganz oft vermeiden müssen, einige hier rassistisch konnotierte Ausdrücke zu benutzen, wegen der Vergangenheit, der Geschichte, werden in einigen Länder in Lateinamerika solche Wörter so leichtfertig benutzt, dass man Bauchschmerzen kriegt, und das ebenfalls wegen der jeweiligen Geschichte. Nach der Kolonialisierung und allen Unabhängigkeitskriegen werden einige Wörter wie „Schwarz“ oder „Rasse“ sogar in einem positiven Sinn benutzt. „Negrito“, „Schwärzchen“, kann ein liebevoller Kosename sein und ein „escritor de raza“ ist weniger „Rassen-Schriftsteller“ als ein Schriftsteller aus Berufung.

Soziale Zusammenhänge, die einige Witze, Ironie oder einfache Beschreibungen ausmachen, müssen für den Leser bekannt sein, um alles verstehen zu können. Die Frage, die sich uns immer stellte, war: Inwieweit kann man einen interessierten, gebildeten Leser voraussetzen, ohne einen zu elitären Anspruch an die Leserschaft zu haben? Vielleicht kennen die meiste deutsche Leser des Blogs Borges, aber kennen sie auch Cortázar oder Facundo Cabral? Wissen sie von der Herkunft Evo Morales‘ oder warum er immer diese Ponchos trägt? Wie weit müssen wir ausholen, um einen Piropo verständlich zu machen? Haben die argentinischen Leser von dem Guttenberg-Skandal gehört? Oder die kolumbianischen Leser schon etwas über Hartz VI gelesen? In einem Blog ist es ja möglich immer ein Link zu setzen, aber müssen wir dann die Leser so behandeln, als ob sie nicht selber recherchieren können?

Es ist immer schwierig, zwei Welten zusammenzubringen, zwei Sprachen, mit all ihren Dialekten, Soziolekten und Feinheiten, aber dass ist die Aufgabe, der wir uns als Übersetzerinnen gestellt haben. Die Dynamik eines Blogs, technische Schwierigkeiten, internetfreie Zone, der Zeitdruck einer Live-Berichterstattung wie von den beiden Buchmessen – Frankfurt und Guadalajara – und der Stil einiger Autoren waren die besten Freunde der niedlichen, kleinen Fehlerteufel. Dennoch haben wir uns über Ozeane hinweggesetzt, Diskurse über-setzt und mit „Los Superdemokraticos“ und dank dem Internet zeitgenössische Autoren aus Lateinamerika und Deutschland so zeitnah und interaktiv zusammengebracht, wie es vorher noch nie der Fall war.

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Auf die eigene Stimme verzichten http://superdemokraticos.com/laender/deutschland/auf-die-eigene-stimme-verzichten/ http://superdemokraticos.com/laender/deutschland/auf-die-eigene-stimme-verzichten/#comments Wed, 03 Nov 2010 15:15:57 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=3110 Vier Monate lang war ich ein Architekt der Wörter. Ich war mir dessen natürlich nicht von Anfang an bewusst: eine Besprechung Ende Mai in einem Berliner Café, ein Projekt, das noch in den Kinderschuhen steckte, die Gründungsversammlung von den Superdemokraten, während der Arbeit und Autoren an Menschen verteilt wurden, die mir bis dahin unbekannt waren, Weizenbier und gelegentlich eine Zigarette. Chronogramme, Nachnamen, die Monatsthemen, Postadressen, Protokolle, Abgabefristen.

Und ein immenses Brachland, das bebaut werden konnte.

(Es sollte nicht das einzige in diesem Sommer sein. Aber das erfuhr ich erst später.)

Von diesem Tag an begann ich – ohne es zu wissen – meinen Beruf umzustrukturieren. Seit 10 Jahren bin ich Söldner der Wörter. Redakteur nennen sie das. Fernsehredakteur, Redakteur von Werbung – weil man die Wahrheit verschleiert, wird es kreativ genannt –, Online-Marketing-Redakteur, Redakteur von Inhalten. Wie alle Redakteure verkleiden wir unseren Stand mit dem Wunsch, Schriftsteller zu sein. Dem Wunsch, diesen Roman, der voller Ekel in einer Schublade neben unzähligen Ablehnungen von Verlagen schläft, zu veröffentlichen. Ablehnungen von Verlagen, die sich nicht einmal die Mühe gemacht haben, ihn aufzuschlagen. Briefe voll leerer Worte. Immer wieder die Worte.

Von Juni an verwandelte ich mich in einen Architekten. Unbeabsichtigt. Zuvor hatte ich Nichtigkeiten und formlose Romane, Artikel und Sätze übersetzt: jener Teil vom Universum, der mir entsprach; und über meinem Kopf hingen die Worte eines toten Mannes. Stefan Zweig, der neben seiner eigenen fünf weitere Sprachen lernte, verteidigte die Übersetzung als einen notwendigen Schritt für den Schriftsteller. Einem Werk dienen, sagte er:Wenn ich heute einen jungen, noch unsicheren Schriftsteller über den Weg beraten müsste, den er einschlagen soll, würde ich versuchen, ihn davon zu überzeugen, zunächst als Schauspieler oder Übersetzer eines größeren Werks zu dienen.

Und ich, da ich nicht die Gewohnheit habe, den Toten zu widersprechen, machte mich zum Architekten, weil es meine Arbeit wurde, Brücken zwischen Sprachen zu bauen.

Ich lernte viele Dinge. Von den Autoren, die ich übersetzte. Von ihren Überlegungen. Von den immensen Unterschieden, die Welt wahrzunehmen, je nachdem, in welcher Sprache sich ihr Denken formte. Aber vor allen Dingen lernte ich von mir selber. Von der Demut, auf die eigene Stimme zu verzichten. Davon, im Akt der Übertragung von Worten anderer Menschen zu verschwimmen. Einen großen Teil meiner Arbeit machte ich diesen Sommer, während ich durch Spanien reiste. Viele tausende von Kilometern in wenigen Wochen. Aus dem Zugfenster sah ich Worte, Telegrafenpfähle und Waldbrände vorüberziehen. Ich verschwand von den Orten. Die Worte anderer trug ich immer mit mir herum. So sehr, dass ich mit den Worten von Claudia Rusch oder Nacho Vegas sprach, wenn ich mich mit meinen Freunden traf. Versteh, dass an diesen Ort ich nicht zu gelangen strebte, sagte ich, statt um ein Glas Wein oder das nächste Ticket für eine andere Stadt zu bitten.

Und dennoch, die Autoren begleiteten mich, und es war keine schlechte Gesellschaft. Nun verabschieden wir uns voneinander, und erneut bleibe ich mit meiner Stille und meinen Worten zurück. Es wird ein wenig dauern, bis ich mich wieder an meine Stimme gewöhnen werde. Aber letzten Endes geschieht im Leben alles oder fast alles auf eine andere Art und Weise.

Übersetzung: Marcela Knapp

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Die Nichtbesiedelung der weißen Flecken http://superdemokraticos.com/laender/deutschland/die-nichtbesiedelung-der-weisen-flecken/ Mon, 01 Nov 2010 14:59:49 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=3126 Halten Sie Kontakt zu Ihrer Brieffreundin in Paris! Nutzen Sie die automatische Übersetzung von Emails und Chats in Google Mail. (Text auf der Seite von Google Translate)

Der Regisseur von Star Wars, George Lucas, wurde einmal in einer deutschen Talkshow nach dem wichtigsten Satz seiner Trilogie gefragt. Als er antwortete „May the Force be with you“ verstand der Synchronübersetzer diesen Satz als „May, the Forth, we with you“ und sagte: „Am 4. Mai sind wir bei Ihnen“. Diese Anekdote, die uns das Blog Übelsetzt überliefert, ist nicht nur amüsant, sondern erhellender als jede Übersetzungstheorie. Mit einer Übersetzung, sei sie richtig oder falsch, entsteht eine neue Realität, auf einmal befinden wir uns in einem Macht- oder in einem Mai-Diskurs.

Im Deutschen trägt das Verb „übersetzen“ eine Bewegung in sich: das Übersetzen auf einem Boot von einem Ufer an das andere. Wer das Boot steuert, bestimmt, wo am Ufer angelegt wird, entscheidet sich für eine Richtung. Übersetzer sind Bootsführer, Skipper, Seeleute, die Untiefen, Unschärfen und Unbestimmtheiten umschiffen müssen. Sie glauben weniger an Karten als an Intuition, weil sie weiße Flecken einfach weiße Flecken nennen.

Die Superdemokraten wären nicht zwischen drei Kontinenten (Amerika, Europa, Asia) hin- und hergereist, hätte es nicht unser Skipperteam gegeben: Anne Becker, Barbara Buxbaum, Marcela Knapp, Ralph del Valle und Rery Maldonado, unermüdlich die Gezeiten beobachtend, Routen definierend, Ausschau haltend nach dem Ein- und Ausgang im Hafen, auch Emailpostfach oder Blogartikel-Liste genannt. Wir haben sie gebeten aufzuschreiben, was sie auf ihren Unternehmungen erlebt haben. In den nächsten Tagen veröffentlichen wir ihre Texte, denn sie sind nicht nur die unsichtbaren Geister, die den Essays ihre Stimmen geliehen haben, sondern sie sind die Seelen unseres Blogs: Übersetzen ist eine Kraft, und die Kraft war mit uns. Google brauchen wir nur für Suchbewegungen, nicht für Text-Trips.

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Völker dieser Welt, schaut auf mich! http://superdemokraticos.com/themen/globalisierung/volker-dieser-welt-schaut-auf-mich/ Fri, 01 Oct 2010 13:29:14 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=2447 Seit drei Wochen weiß die Welt, wo ich wohne. Nicht, weil ich es ihr gesagt hätte – ich bin lediglich umgezogen und muss endlich nicht mehr diesen ganzen Quatsch machen mit „a rather big down in the Ruhr District, an industrial area north of Cologne“ (Kindheit, Dortmund) oder „a small city south of Hannover, in the center of the country“ (Hildesheim, Studium). Ich sage „Berlin“, die Welt sagt „Oh!“ Und dass man da ja selbst schon im Rahmen einer Europareise die Mauer/die Clubs etc …

An sich ist es herrlich. Man tritt auf die Straße und alle Coolnessprobleme, die man als erdverbundener Kleinstädter in der Vergangenheit mit sich selbst zu diskutieren hatte, sind gegessen. Man ist qua Wohnort nun aufgestiegen zu einem weltgewandten, leicht fatalistischen Stadtbewohner, der das unglaubliche Privileg hat, eine 1-Zimmer-Wohnung an jenem Ort, zu dem alles strebt, eigenhändig vollgemöbelt zu haben. Es hebt die Geister, die Kleinen und die Großen, der Welt dabei zuzusehen, wie sie vor der eigenen (meiner) Haustür im Gras sitzt und auf irgendwas wartet. (An besonders guten Tagen kommt es mir sogar so vor, als warte sie auf mich.)

An schlechten Tagen bin ich ich, wie ich mich kenne. An schlechten Tagen dulde ich keine Wichtigtuerei (außer meiner eigenen), dulde keinen betont zur Schau gestellten Müßiggang, dulde nicht die „eitle Omnipräsenz der Tagediebe“, die eine kluge Frau mal in meinem Beisein als solche labelte. Dann dulde ich auch nicht den interkulturellen Austausch, ich dulde nicht das betont-freundliche Klarkomm-Verhalten zwischen (deutschen) Medien- und (türkischen) Dönertypen (immer dieses Gezwinker!), und ich dulde nicht das Gespräch zwischen jungen Geisteswissenschaftlern aus aller Welt, das da – geführt in einem fließenden Spanenglesperanteutsch – eigentlich nicht mehr sagen möchte als: „Seht her, wir haben’s kapiert!“

Was haben diese Menschen – im Gegensatz zu mir und allen anderen, die gerne zu Hause geblieben wären, kapiert? Dass es in einer Welt der globalen Märkte – als Anreiz und Ausgleich – auch den globalen Austausch der Zivilisten braucht? Dass, wer die Dinge in ihren Zusammenhängen begreifen, die Zusammenhänge selbst nachvollziehen muss? Dass das Monadentum des alten Nationalstaats längst durch das Nomadentum der globalen Netze abgelöst ist? Selbiges hält die Welt zwar nicht im Innersten zusammen-, aber doch so fest umklammert, dass niemand aus diesem Mainstream ausbrechen kann und will – den Anschein erweckt Berlin, zumindest an Tagen, an denen ich schlecht gelaunt bin. Die progressiven Medientypen sprechen progressives Medientypenenglisch, die spanischen Austauschstudenten Austauschstudentenspanisch und immer wieder sitzt ein deutsches Kleinstadtkind dazwischen und ist selig über so viel Am-Puls-der-Zeit-sein und darüber, wie gut es mit seinem Schulenglisch und -spanisch doch mitplappern kann.

So sitzen dann alle am Kanal, während ich schlecht gelaunt vorbeiziehe, mürrisch, weil mein batterieschwacher MP-3-Player mich nicht mehr mit Thomas-Mann-Hörspielen vor den Emissionen dieser globalen Gemeinschaft schützt, die – da sprachlich dann doch etwas limitiert – sich meist auf Gespräche über Speisen, Reisen oder auf Reisen kennen gelernte Speisen beschränkt. Weil ich sonst nichts zu tun habe, frage ich mich dann zum 1000. Mal, was das soll, und sehne mich nach geordneten westdeutschen Kleinstadtverhältnissen: wo das deutsche Mittelschichtkind unter sich bleibt, um dort in Ruhe, von der Globalisierung ungestört und in bestem Deutsch die Probleme der Globalisierung erörtern zu können. Während am Kanal in Berlin deutsche Mädchen spanischen Mädchen von dänischen Jungs und lettischen WGs erzählen, vergieße ich eine Träne der Wehmut und denke an die Göttingens, Münsters und Freiburgs dieser Welt, in denen man(n) – ob in der Attac-Gruppe oder dem FDP-Ortsverein, ganz egal – so herrlich produktiv unter sich und seinesgleichen das Für und Wider einer globalen Finanzmarktsteuer abwägen kann.

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