Rache – Los Superdemokraticos http://superdemokraticos.com Mon, 03 Sep 2018 09:57:01 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.8 Die Rache Monteczumas http://superdemokraticos.com/laender/bolivien/die-rache-monteczumas/ Fri, 25 Nov 2011 02:23:18 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=5921

Opfergaben zum Verbrennen bei traditionellen Aymara-Zeremonien: für mehr Geld, eine gute Reise oder was auch immer. Gegen Salmonellen helfen aber nur Salzlösung und Zeit.

Ich werde mich erinnern, an die Kopfsteinpflasterstraßen, die vor der deutschen Schule anfangen und danach wieder aufhören. An das Schild: Achtung, autofahrende Eltern. Oft bin ich hier im Taxiautotaxiauto vorbeigekommen in den zehn Tagen, die wir in La Paz verbracht haben. Mit Blick auf die wackelnde Dufttanne und den hüpfenden Rosenkranz am Rückspiegel des Fahrers. Anfangs, um in der Zona Sur, in San Miguel, im Alexander Coffee das Internet zu nutzen und Fruchtfrappés zu trinken. Alexander Coffee: eines der erfolgreichsten Unternehmen Boliviens, das überall diese modernen Kaffee-cum-Internet-Cafés betreibt, mit verpackten Brownies, aber alles „hecho in Bolivia“, im Land hergestellt.

Mein Hals glüht, drückt, brennt, beim Schlucken, beim Schlafen, ich habe eine Erkältung, eingeschleppt aus der kühl-regnerischen Stadt Bogotá, wo es jeden Tag pünktlich um 14 Uhr grau und nass wird. Nach einer bolivianischen Saltena in einem kleinen Restaurant mit vier Tischen oder nach einer Pizza in einer dieser Shopping Malls, die in Lateinamerika das öffentliche Leben in klimatisierte Palmen-Zonen verlegen, kommt noch ein Bauchgrummeln dazu. Die Rache Monteczumas liegt auf mir: Durchfall, Erbrechen, so nennt man die Reisekrankheit, die angeblich auf dem Fluch des letzten mexikanischen Aztekenherrschers beruht, der vor dem spanischen Eroberer Hernan Cortés zwar friedlich in die Knie ging, aber dann ermordet wurde. Nicht schön. Also verbringe ich die Tage im Bett.

Aber ich werde mich erinnern an die Taxiautotaxifahrten, an das rote Fleisch der Berge, die trocken rund um die Stadt La Paz in die Höhe ragen. An den Ausflug mit Jeep in das Hinterland, durch Geröll-Canyons. Die rohen Steine, die sandig ausgespülten Rinnsale, an den Stadthängen Hochhäuser darauf thronend, steil in die Höhe steigend. Die Lichter nachts. Die Marineschule mit Leuchtturm und Ausguck und Takelage, in einem Land ohne Meer, direkt an der Stadtautobahn. Ich werde mich erinnern an den freundlichen, allgemeinen Arzt, der mich in ein leeres Krankenhaus bringen wollte, wo es kein Klopapier gab. An den lustigen Onkel Pepe, der mich dann in einem anderen Krankenhaus nochmal untersuchte. Ich werde mich erinnern an die Siestas der Straßenarbeiter unter den Bäumen auf den Plazas. Hingestreckt. Dunkle Gesichter. Verschränkte Arme. An die Straßenverkäuferinnen mit weiten Röcken: 2 Bolivianos für ein Haargummi, 6 für eine Cola. An den täglich sinkenden Eurokurs. An die vielen Dienstleister: Wächter vor den reichen Stadtvierteln, Rasensprenger auf Verkehrsinseln, Gepäckträger am Flughafen, Tütenpacker in Geschäften, Sandwichausrufer vor Bürogebäuden. Die Alternative zu 1-Euro-Jobs?

Und an das Dachzimmer bei Rerys Familie im Tudorstil mit vielen Fenstern, Holzbalken, Licht, in jedem Fenster ein anderes Himmels-TV: Wolken, Fichtenwipfel, hochragende Klippen aus sandigem Stein, Vögel, bellende Hunde der Nachbarn. An die Krankenkost, die mir Rerys Mutter brachte: Salzlösung mit Ananasgeschmack, mit Wasser aufgelöste Maizena mit Zimt, Salzcracker, dazu der surrende Luftbefeuchter. An die Düfte aus der Küche von Kika, der Haushälterin, die aus dem Dorf Mokomoko („Kleiner Mann mit breitem Schnauzer“) kommt, acht Stunden Autofahrt entfernt von La Paz, mit einem Klima wie im Süden des Landes, wo nur noch 30 Leute wohnen. Daran, dass sie die einzige ist, die in diesem Haushalt eine Privatsphäre hat. Denn in ihrem Zimmer räumt sie selbst auf.

An all das werde ich mich erinnern, obwohl oder weil ich die meiste Zeit im Bett lag. Auf dem Hexenmarkt in La Paz, mein einziger Ausflug ins Zentrum für ein paar Stunden am letzten Tag, hab ich die Medikamente nur fotografiert, die Statuen für Gesundheit, Glück, gute Reise oder Weisheit, die Opfergaben, die Tees, Tinkturen, Lama-Föten und Kräuterkörbe. Gekauft hab ich ein silbernes Kokablatt. Ich werde es Monteczuma nennen. Oder besser Cuauthémoc, so hieß sein Cousin. Er hat sich als letzter Herrscher von Tenochtitlán nicht ergeben, sondern Widerstand geleistet. Salmonellen, adé!

Und ich werde dankbar sein, denn wenn man krank ist, ist die Wahrnehmung eine andere.

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