musik – Los Superdemokraticos http://superdemokraticos.com Mon, 03 Sep 2018 09:57:01 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.8 Wenn ich glaube, dass ich gehe, komme ich gerade immer woanders an http://superdemokraticos.com/laender/argentinien/wenn-ich-glaube-dass-ich-gehe-komme-ich-gerade-immer-woanders-an/ Tue, 12 Oct 2010 07:15:47 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=2630 Dieser Text sollte ein Abschied sein. Aber viel mehr als an einen Abschied würde ich mir lieber vorstellen, dass das hier eine Türe ist, die sich öffnet, ein Anfang und eine glückliche Ankunft. Weil jede Abfahrt immer auch eine Rückkehr ist, und jede Erfahrung neue Möglichkeiten eröffnet. Ich denke, dass diese hier, die superdemokratische, sich nicht verabschieden muss. Sie muss sich entfalten, über ihre Grenzen hinauswachsen.

Von Anfang an gefiel mir der Vorschlag. Ich mag kollektive Arbeitsformen und vor allen Dingen die Schöpfung neuer Räume, die es vorher nicht gab, um kreative Äußerungen über die verschiedenen Auffassungen oder Formen, die die Demokratie annimmt, denken zu können. Es gefiel mir, tagtäglich Themen zu überdenken, es war eine Schreibübung, die nicht nur unterhaltsam war, sondern die mich auch über Dinge aus verschiedenen Perspektiven nachdenken ließ. Vorschläge und Erfahrungen zu lesen, die den meinen so verschieden sind, was immer eine Bereicherung ist.

Ich denke auch, dass es mir gefallen hätte, viel aktiver daran teil zu haben und möglicherweise möchte ich deshalb nicht, dass es aufhört. Ich fände es schön, wenn wir es als eine erste Etappe denken könnten und dass nun die nächste erbaut werden muss.

Ich erinnere mich, dass es vor ungefähr einem Monat die Möglichkeit gab, das Blog hier in Buenos Aires zu präsentieren. Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich in einer schwierigen Situation und konnte mich nicht mit meinen Co-Bloggern vereinigen, aber ich glaube, jetzt wäre es eine schöne gemeinsame Zeit… Es ist Frühling! Die Bäume blühen, das Grün des Grases bricht zwischen dem Grau des Asphalts hervor. Die Menschen sind fröhlich und die Vögelchen singen.

Und dann frage ich: Tun wir es? Vielleicht mit Agustín, meinem argentinischen Kollegen, und vielleicht hat auch irgendwer anderes darüber nachgedacht, Buenos Aires zu besuchen, hat Lust, sich zu uns zu gesellen… Was sagen Rery und Nikola dazu?

Und eine zweite Möglichkeit, um alle miteinander zu plaudern… wir könnten die Präsentationen reihum durch jedes der Länder rotieren lassen, in denen wir Autoren, die teilnehmen, leben… und wenn nicht… Freunde, Gefährten, wie Gustavo Adolfo Bécquer sagte… Möchtet ihr, dass wir eine süße Erinnerung dieser Liebe bewahren? Dann lieben wir uns heute und morgen sehr. Sagen wir uns Lebewohl!

Aber nein, ich werde mich von niemandem verabschieden, ich werde euch nur sagen, dass es mir ein Vergnügen war, mit euch zu arbeiten, mit euch allen, Autoren, Rery, Nikola, Marcela und all den Menschen, die dazu beigetragen haben, dass das hier hinaus ins Netz geht, danke an alle.

Und bevor ich gehe, schicke ich euch einige Links, die ich schon vor längerer Zeit mit den Superdemokraten teilen wollte, einige Dinge, die hier vor sich gehen… hört den Bands zu, es ist beeindruckend, sie live zu sehen!

Paula Maffia / Lucy Patané und Kompanie
http://www.myspace.com/paulamaffiaylacosamostra
http://www.myspace.com/lastaradas

Hier noch die Fotografien von Natacha Ebers, die mit einer Lochkamera fotografiert und außerdem über eine eindrucksvolle Bilddatenbank verfügt, die das geschäftige Treiben der neuen Bands und Musikgruppen, die durch diese Stadt wandern, aufzeichnet: http://www.flickr.com/photos/natachaebers/

Und ich verabschiede mich nicht, weil immer, wenn ich glaube, dass ich gehe, ich gerade immer woanders ankomme.

noch ist nicht jetzt
jetzt ist niemals

noch ist nicht jetzt
jetzt und immer
ist niemals

A. Pizarnik

Übersetzung: Marcela Knapp

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Der Blues der Globalität http://superdemokraticos.com/themen/globalisierung/der-blues-der-globalitat/ http://superdemokraticos.com/themen/globalisierung/der-blues-der-globalitat/#comments Tue, 05 Oct 2010 15:00:39 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=2394 Ich bin zwanghaft obsessiv. So wie ein Kokainabhängiger den halben Tag damit beschäftigt ist, Kokain zu besorgen, zu kaufen, mitgehen zu lassen, so investiere ich dieselbe Zeit in das Herunterladen von Musik. Ich habe furchtbare Entzugserscheinungen. Ich erleide die Beklemmungen eines Sammlers, komme nicht zur Ruhe, bis ich nicht die komplette Plattensammlung von Bands, die sonst niemanden mehr interessieren, herunter geladen habe. Fügen wir dem soeben Genannten hinzu, dass ich auch noch Originale sammle. Es gibt Alben, die mir den Schlaf rauben. Ich begnüge mich nicht mit der Musik. Ich brauche das booklet: das art, also: die Legende. So unwahrscheinlich diese auch sein mag.

Ich erinnere mich daran, wie die CD in meine Stadt kam (1989). Ich bekam Schaum vorm Mund, als ich Delicate Sound of Thunder von Pink Floyd im Schaufenster des Musikgeschäfts liegen sah. Zugegeben, das Format war mir egal, ich wollte den Inhalt. Ich war konservativ und penibel. Und ich blieb das eine Zeit lang, bis mir die Möglichkeit, gratis Musik aus dem Netz zu ziehen, den Komfort und Musik zum Abheben offenbarte (comfort y música para volar ist der Titel eines Albums der argentinischen Rockband Soda Stereo, Anm. d. Ü.). Um den spanischen Philosophen Eugenio Trías zu paraphrasieren: Es gibt keinen mächtigeren König, kein mächtigeres Gesetz, keinen mächtigeren Gott als das verfluchte Internet. Ich erinnere mich an den Kampf zwischen Apokalyptikern und Integrierten, der durch das Debüt der compact disc ausgelöst wurde. Die Puritaner hielten zur LP, die Avantgardisten zur neuen Erfindung. Es wurden unzählige Apologien und Diskreditierungen verfasst. Ich kaufte mir die Kassette, ich liebte es, mix tapes zu machen (vielleicht sind sie schuld an meiner schriftstellerischen Ader), ich war 11 Jahre alt, ich ging in die 6. Klasse, und ich hatte nicht das Geld, mir eine Stereoanlage mit CD-Spieler zu kaufen.

LP und Kassette wurden zu Geliebten des Vergessens und die CD übernahm die Herrschaft. Es stellte sich jedoch das selbe Problem wie mit den vorherigen Formaten ein. Manche CDs waren nirgends zu bekommen. So verging ein Jahrzehnt. Dann erhielten wir Zugang zum Gottvater Internet und unser Status veränderte sich, erst dank der Einkäufe über das Internet. Eine Zeit lang war ich ein gefundenes Fressen für Amazon, Ebay, Volver, etc. Ich bin es immer noch, aber weniger.

Dann fing ich an, Musik gratis herunter zu laden. Wie viele gemischte Gefühle, wie viel Befriedigung und wie viele Desillusionen hat mir diese Aktivität beschert. Nicht wenige befürchteten, im Gefängnis zu landen, wie es in den USA unter Berufung auf die Verletzung des Urheberrechts geschah. Aber, wie Cerati betont, ist nicht alle Musik im Internet. Ich bekomme heutzutage andauernd Migräne, weil ich nicht all die Musik, die ich suche, im Netz finde. Obwohl ich unter anderem von den Seiten Taringa, Bolachas, Emule, Isohunt Musik herunterlade, finde ich nicht alles, was ich haben möchte, wie beispielsweise: Alben der chilenischen Band namens Ex.

Es ist effektiv, von Seiten Musik herunter zu laden, die eine Link-Sammlung haben, aber da auf diesen Seiten viele Links nicht mehr funktionieren, muss ich auf die Musiksammlungen anderer Computer zurückgreifen. Seit Monaten bete ich dafür, dass ein Benutzer, der ein Album von Wilco besitzt, ins Netz geht. Aber San Juditas (der Heilige kleine Judas) erweist mir bisher kein Wunder. Gibt es den Heiligen Internet? Jeden Tag denke ich darüber nach, warum sich dieser verflixte Typ nicht mal mit dem Internet verbindet?  Was macht er? Geht er mit Frauen ins Bett? Ist er deshalb so beschäftigt? Aufgrund seines Benutzernamens weiß ich, dass er in Chicago wohnt. Ich schicke ihm über die download-Seite Nachrichten, aber er antwortet nicht. Ich kann nicht umhin, mir sein Leben auszumalen. Ich öffne Seiten, Foren, Blogs, die Anhaltspunkte über seine Email verraten. Ich erschaffe die Stadt anhand von Google Earth so wie James Joyce mit seinem Buch Dublin erschuf, ich spähe ihm nach, ich hab ihn scheißen sehen, aber ich hab nicht erlebt, dass er sich an seinen Computer setzt und ihn lange genug anlässt, um ein Album herunter zu laden. Und so geht es mir mit Typen von der ganzen Welt.

Jeden Morgen erwache ich mit einem einzigen Gedanken im Kopf. Eine Sitzung der Anonymen Alkoholiker aufzusuchen, mich mit einer Zigarette und einem Kaffee in der Hand auf die Tribüne zu begeben und zu sagen: Guten Abend, mein Name ist Carlos Velázquez und ich bin süchtig nach dem Herunterladen von Musik.

Übersetzung: Anne Becker

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Nichtmal als Nutten http://superdemokraticos.com/themen/burger/nichtmal-als-nutten/ http://superdemokraticos.com/themen/burger/nichtmal-als-nutten/#comments Thu, 02 Sep 2010 06:49:07 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=1389 Ein Europäer, der mal in Argentinien zu Besuch war, erinnert sich gerne an die Gastfreundschaft: „Ruf mich an!“ „Komm vorbei, wir grillen!“ Argentinier empfangen Ausländer mit offenen Armen – wenn sie von der Nordhalbkugel kommen. Menschen aus ärmeren Regionen Lateinamerikas haben es schwer.

„Argentinien hat sich immer als weißes Land verstanden“, sagt Lourdes Rivadeneyra. „Die Diskriminierung gegenüber den Einwanderern aus den Nachbarländern hat viel mit der Hautfarbe zu tun, den Gesichtszügen und der Armut. Plötzlich bist du für viele ein Feind. Es gab mal im ganzen Viertel Plakate auf denen stand: Die Bolivianerinnen wollen wir nicht mal als Nutten.“

Rivadeneyra kam vor 18 Jahren aus Peru nach Argentinien, heute arbeitet sie beim Inadi, der argentinischen Antidiskriminierungsbehörde. Dort hilft sie Einwanderern aus Bolivien, Paraguay und Peru dabei, sich ein neues Leben in Argentinien aufzubauen. Etwa zehn Prozent der 38 Millionen Bewohner Argentiniens stammen inzwischen aus Paraguay, Peru und Bolivien. Die Leute träumen den amerikanischen Traum“, sagt Rivadeneyra. „Sie glauben, dass sie ein großartiges Leben in Argentinien vorfinden. Aber leider ist die Realität eine andere. Viele haben keine Arbeit, leben unter unmenschlichen Bedingungen, in sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen.“

Auf der Straße angesprochen sind die Argentinier zurückhaltend. Doch zwischen den Zeilen ist ihre Ablehnung der Einwanderer herauszuhören.

Zum Anhören (spanisch):

[audio:http://superdemokraticos.com/wp-content/uploads/2010/08/encuesta-argentina.mp3|titles=Encuesta / Umfrage]

Frau 1: Ich glaube, sie machen viele Arbeiten, die wir, die Argentinier, gar nicht machen wollen.

Mann 1: Ihnen geht es hier viel besser als es ihnen jemals in ihrer Heimat gegangen ist.

Frau 2: Alle diese Leute nutzen unsere öffentlichen Einrichtungen und geben nichts zurück. Sie zahlen nichts.

Frau 1: Manchmal sage ich etwas Fremdenfeindliches, denke Schlechtes, sage: Das ist bestimmt ein Bolivianer, ein Paraguayer. Dann ärgere ich mich über mich selbst. Aber ich bin auch nur ein Mensch, ich kann das nicht vermeiden.

Mann 3: Alles, was von außen kommt, akzeptieren wir. Woanders beschweren sich die Leute, dass es schwierig ist, zur Gesellschaft dazu gehören. Hier akzeptieren wir Leute aus anderen Ländern schnell. Aber, was mir weh tut, zum Beispiel: Die Italiener und die Spanier, kamen und gaben alles. Heute gibt es eine andere Art von Einwanderung, aus den Nachbarländern. Die sind bequem. Sie möchten, dass man ihnen ein Haus gibt, besetzen Häuser, die Italiener und die Spanier machten so etwas nicht.

Umfragen zeigen, dass sechs von zehn Bolivianern mit dem Gedanken spielen, die Heimat zu verlassen. Viele von ihnen wollen nach Argentinien. Weil sie schlecht informiert seien und nicht wissen was sie vor Ort erwartet, sagt Rivadeneyra. Ein Auswanderer gebe gegenüber der Familie in der Heimat nicht zu, wenn es ihm nicht gut geht: „El extranjero nunca va a decir a su familia que está mal.“

Auch Shirley López hatte vor der Abreise niemand gesagt, dass Bolivianer in Argentinien nicht überall willkommen sind. Sie hatte von Freundinnen gehört, dass „Argentinien genial war, dass man in Dollar verdient, das Leben sehr gut sei und das Essen lecker.“

López ist klein und hat einen dunklen Teint. Keine guten Ausgangsbedingungen für ein neues Leben in Buenos Aires. Zunächst arbeitete Shirley als Schneiderin in einer koreanischen Textilfabrik, jetzt ist sie Hausfrau und kümmert sich um ihre kleine Tochter. Drei Jahre wohnt die 34-Jährige nun schon in Argentinien und fühlt sich noch immer fremd. Hätte sie dort nicht ihren Mann kennen gelernt, sie wäre längst wieder in Bolivien. Sie wünscht sich von den Argentiniern mehr Respekt.

„Alle Argentinier sind Einwanderer. Und sie leben auf dem Land der Quechua, Aymara und Querandíes. Aber das wollen sie nicht verstehen. Sie sagen immer, dass wir die Invasoren, die Einwanderer sind, weil wir klein sind und braune Haut haben. Indios, nennen sie uns. Scheiß-Bolivianer, schmutzige Bolitas.“

Wenn Shirley ihre Heimat vermisst, geht sie in ihr Zimmer, hört bolivianische Musik und schließt die Augen.

Zum Anhören (spanisch):

[audio:http://superdemokraticos.com/wp-content/uploads/2010/08/shirley-musica.mp3|titles=Shirley hört Musik in ihrem Zimmer]

„Ich höre die Musik aus Bolivien sehr gerne. Ich fühle mich dann meiner Familie und manchmal denke ich, dass ich Zuhause bin. Auch wenn ich in meinem Zimmer eingesperrt bin, habe ich das Gefühl, da zu sein, wenn die Musik laut ist. Ich stelle mir dann vor, dass ich da bin. Ich höre sie immer, aber wenn ich traurig bin, lieber nicht.“

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts haben vor allem italienische, spanische aber auch jüdische und arabische Einwanderer die argentinische Gesellschaft stark geprägt. Heute sei die Situation anders, sagt Rivadeneyra. Argentinien müsse sich an Einwanderer aus allen Regionen Lateinamerikas gewöhnen: „Früher kamen wenige Kolumbianer, jetzt kommen mindestens zehn am Tag, die meisten sind Jugendliche. Auch aus Haiti kommen sehr viele Flüchtlinge, nicht erst seit dem Erdbeben. Das Problem ist die Armut. Ein Ausländer, der Geld hat, wird nicht diskriminiert.“

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Suchend wie jedes Gespenst: nach einem Körper http://superdemokraticos.com/themen/koerper/ich-suche-das-was-jedes-gespenst-ein-korper/ http://superdemokraticos.com/themen/koerper/ich-suche-das-was-jedes-gespenst-ein-korper/#comments Tue, 10 Aug 2010 07:05:03 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=645

Der Körper ist ein Tyrann. Eine Falle, eine verdammte Falle. Er zwingt uns, von einer gewissen Musik Abschied zu nehmen. Manche brauen leichte Musik, wir brauen norteñische Musik (Musik aus Nordmexiko, Anm.d.Ü.). Von Tijuana bis Tamaulipas ist der Narcocorrido Gesetz. Nichts befreit uns von diesem Anathema. Alles hat mit der traditionellen Akkordeonmusik und dem bajo sexto (zwölfsaitige Bassgitarre) angefangen. Monterrey, Nuevo León, gilt als die Welthauptstadt der norteñischen Musik. Der Corrido, der norteñische Bolero, die Polka und der Shotiz repräsentierten den Körper des alten Norteño. Heute verkörpert der Narcocorrido den Postnorteño.

Ich kann mir keinen Blondschopf und auch keinen Japaner dabei vorstellen, wie er im Takt des Duranguito sein Tanzbein schwingt. Welche Taxonomie, wenn nicht die norteñische, verlangt eine Gruppe wie Exterminador (Ausrotter) oder Los Tucanes de Tijuana (Die Tukane von Tijuana). Der kubanische Körper verlangt Son, der Körper eines Chilango (Bewohner von Mexiko Stadt, Anm.d.Ü.) Salsa, der norteñische Taconazo. Es ist wohl bekannt, dass in Coahuila, Sonora, Durango, Chihuahua, Tamaulipas, Nuevo Leon, Baja California Sur und Baja California Norte einem nichts wertvoller erscheint, als mit Freunden durch die Wüste zu fahren, mit einem halben Liter Tecate-Bier zwischen den Eiern und im Autoradio eine CD von Los cadetes de Linares (Die Kadetten von Linares).

Ich kann mir für meinen Körper keine anderen Geschichten vorstellen als jene, die in den norteñischen Liedern erzählt werden: Geschichten von Pferdedieben, Pistoleros und Drogenhändlern. Die griechische Tragödie sieht klein aus in meinen Levi’s 559 36x 30. Wie sollte ich nicht diesen verwegenen und triebgesteuerten Körper, der die Spelunken mag, zur Schau stellen, wenn die Musik von El viejo Paulino (Der alte Paulino) mein täglich Brot ist. Meine Physiognomie kommt nicht auf andere Rhythmen, sie ist nicht gemacht für andere Stile.

Cowboyhut, Gürtel, Pfauenstiefel, Jeans, Wrangler-Hemd und die Musik von Los Tigres del Norte (Die Tiger des Nordens) könnten die vorschriftsgemäße Tracht des Norteño bilden; aber diese Körper stoßen in anderen Landstrichen kaum auf Wohlgefallen. Wir sind alle, von dem größten Stiernacken bis zum größten Spacken, eine Gruppe von Gespenstern, die in der norteñischen Musik ihr Fleisch und Blut findet.

Übersetzung: Anne Becker

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Ich bin immer ein Beobachter gewesen, der Gefühle ernst nimmt http://superdemokraticos.com/poetologie/ich-bin-immer-ein-beobachter-gewesen-der-gefuhle-ernst-nimmt/ Wed, 16 Jun 2010 12:56:00 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=261 Vor ihrem Tod überreichte mir meine Großmutter eine kleine Autobiografie, die sie mit großer Mühe im Laufe ihrer letzten Jahre in einem Altenwohnheim in Buenos Aires in eine verrostete Schreibmaschine getippt hatte. Hin und wieder ging ich sie besuchen und wir tranken dann einen Kaffee in einer der Bars in der Gegend um die Plaza Italia. Bei einem jener Besuche übergab sie mir das Manuskript.

Calcagno - Foto: Mariano Maur


Feierlich überreichte sie mir die Fragmente ihres Lebens, die ihr der Beginn der Senilität noch erlaubt hatte, auf wenigen Seiten aufzuzeichnen. Die Feierlichkeit ist in meiner Familie mütterlicherseits etwas Unvermeidliches. Wir alle, auch meine eigene Mutter, versuchen immer, unseren kleinen Überlegungen solche Aufmerksamkeit zu verschaffen, als ob sie es würdig seien, in dicken Buchbänden veröffentlicht und später in der Nationalbibliothek aufbewahrt zu werden. Offen gestanden glaube ich, dass es sich hierbei um ein Erbe meines Großvaters handelt, dem Mann der Autobiographin. Er war ein äußerst ernster Typ, Anhänger eines rechten Nationalismus, an den sich heute niemand mehr erinnert, der aber einmal auf der ganzen Welt in Mode war. Ein antiliberaler Mensch in jeder Hinsicht und jeder Couleur: Töte die Schwulen, die Gringos, die Linkshänder, die Weiber usw. Die sonntäglichen Diskussionen während des Mittagessens, zum Beispiel, endeten immer damit, dass er – genervt von der ansteigenden Lautstärke und familiären Gereiztheit – mit der Faust auf den Tisch schlug und ein etwas altmodisches Schimpfwort von sich gab wie: Himmeldonnerwetter nochmal! Diese aus der Mode geratenen Schimpfwörter lösten bei den Kleineren von uns solche Lachanfälle aus, dass wir hinausliefen, um die Feierlichkeit des Augenblicks nicht zu stören.

Die Unterhaltungen mit meiner Großmutter drehten sich immer um Politik oder Philosophie. Sie verfügte über ein umfangreiches Wissen auf diesen Gebieten, da mein Großvater Geschichtsprofessor war und sie eine der ersten Absolventinnen der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität von Córdoba, und das zu einer Zeit, in der Frauen als wenig mehr denn als Samenempfänger angesehen wurden. Das machte sie zu einer avantgardistischen Frau, doch trotz des ersten Eindrucks war sie dies keineswegs. Merkwürdigerweise glaubte sie, dass die Frau sich dem Mann unterordnen müsse, jeden Tag mehrfach zu beten und für das Wohl der Familie zu sorgen habe. Viele Male versuchte ich, dieser Widersprüchlichkeit auf den Grund zu gehen, aber wie mit der Frage nach der Inexistenz Gottes und der Verantwortung der Kirche für die von ihr begangenen Verbrechen, erhielt ich keine Antwort…

In ihrer Autobiographie erzählt meine Großmutter– wie in jeder Autobiographie zu erwarten ist – einige Anekdoten, die für ihr Leben bedeutsam werden sollten, das heißt, in in ihrem Fall bedeutsam für ihre Familie. Auf diese Weise erscheine ich als Kleinkind in einer Episode, in der ich ein Plakat mit einer hierauf abgedruckten Kuh betrachte, während mich meine Alte mit einem dieser unsäglichen Pürees füttert, die zu den wenigen Dingen gehören, die ein Zahnloser verdauen kann. Obwohl ich recht pummelig war, versuchten sie andauernd, mich zum Essen zu bringen. Aber ich beschwerte und weigerte mich jedes Mal solange, bis sie mich vor das bunte Plakat mit der Kuh setzten. Mein Fleischverlangen wurde dadurch entfesselt, und ich fantasierte, dass jeder mit Brei gefüllte Löffel Steak, Niere oder Eingeweide führe. Als guter Argentinier wuchs ich damit auf, eine Kuh zu betrachten, und heute verschlinge ich ihre köstlichen Stücke.

Die Jahre vergingen und ich trat in das Schulalter ein, in dem ich weder größere Erfolge noch große Schwierigkeiten vorweisen konnte. Ich ging schlicht zur Schule, und mit ein wenig Wohlwollen und einem Minimum an Anstrengung bestand ich Jahr für Jahr für Jahr für Jahr. Im Alter von 12 oder 13 Jahren begann ich, Gitarre spielen zu lernen und gründete bald eine Band mit dem Ziel, die neuen Serú Girán zu werden. Nach mehr als zwölf Jahren und vielen Bandgründungen stellte ich fest, dass ich niemals so wie sie das Innerste der Menschen würde berühren können. In dem Moment beschloss ich, es sein zu lassen und auf Reisen zu gehen, um einen neuen Traum zu finden.

Währenddessen begann und beendete ich ein Studium auf dieselbe Art und Weise wie die Grund- und Oberschule, schnell und ohne Probleme. Bereits im letzten Jahr der Oberschule empfahl mir ein Geschichtslehrer, den ich bewunderte, keine Sozialwissenschaften zu studieren, da ich ansonsten Hunger leiden würde. Wenn aber die Alternative war, nicht zu studieren und mit der Musik Hunger zu leiden, oder Hunger zu leiden, aber ein wenig gebildet zu sein, so fand ich es besser, diesen letzten Weg zu gehen. Also studierte ich mehrere Jahre bis die Universität entschied, dass ich nun genug gelernt hätte, um mich mit einer Lizenz zur Meinungsäußerung über das, was uns geschieht, auf die Straße zu entlassen. Es scheint absurd, aber im Gegensatz zu Ärzten, Ingenieuren oder Anwälten gibt es für uns, die wir uns mit den Problemen befassen sollen, die uns alle betreffen, kein Zulassungsverfahren. Sie überreichen uns einfach ein Zeugnis und los geht’s.

Mit Mitte Zwanzig und einem Diplom in der Tasche, zog ich um, reiste, verliebte und entliebte mich, betrank mich, nahm Drogen und begann, regelmäßig Gedichte zu schreiben. Tonnen von Gedichten auf Papierschnipseln oder dem Handy oder einem Blog oder irgendeinem anderen Ort, an dem es Worten erlaubt ist, neutrale Flächen zu schikanieren. Worte und Worte und Worte und Worte. Worte haben mir immer gefallen, auch wenn ich nie ein großer Leser oder ausdauernder Radiohörer gewesen bin. Vor allem rede ich gerne, ich bin buchstäblich das, was man einen Schwätzer nennt. Wie Borges und meine Großmutter sagten: Das Beste, was man im Leben tun kann, ist, einen guten Schwatz zu halten.

Wir Bewohner von Buenos Aires sind der Unterhaltung ganz besonders zugeneigt. Hier reden alle und sagen ihre Meinung, als sei es eine griechische Agora. Vom Pförtner eines Gebäudes bis zum letzten Fußballer haben sie alle etwas über die Regierung, die Kultur, die Gewohnheiten oder, aktueller, gar über Europa oder irgendeinen anderen fernen Ort zu sagen. Der globalisierte Bewohner von Buenos Aires ist fast eine Massenvernichtungswaffe. Nichtsdestotrotz und möglicherweise aufgrund des Wortexzesses erweist sich die Stadt als ein äußerst inspirierender Ort. Inmitten all der TV-Dummheit und TV-Wiederholung lassen sich einige, meist nächtlich-alkoholisierte Stimmen vernehmen, die etwas wahrhaft Tiefgründiges zu sagen haben. Seit nun einigen Jahren widme ich mich der Wiedergabe einiger dieser Stimmen aus meinem Bunker im Viertel „Barrio del Once“. Im Lärm der Autobusse, einiger höllischer Rennwägen, die genauso viel zerstören wie sie transportieren, umgeben vom flüchtigen Smog Buenos Aires’, den die Pampa des Nachts wegfegt, greife ich auf das geschriebene Wort zurück, um meinen Ideen Berechtigung zu verleihen.

Um den Faden dieser kurzen Autobiographie wieder aufzunehmen: Ich empfinde es als äußerst schwierig über mich selbst zu schreiben, wenn ich selber nicht so genau weiß, wer ich bin. Als Politologe war ich immer zu poetisch und ich verliebte mich in alles, was ein bestimmtes utopisches Potenzial beinhaltete. Ich kam vom Kommunismus zum Chavismus und vom Chavismus zum progressiven Peronismus unserer Regierung, ohne dabei irgendeine der anderen, inzwischen schon langlebigen Liebesbeziehungen vollständig aufzukündigen. Was mich jedoch immer am meisten an der Politik lockte war ihre Fähigkeit, kollektive Phantasien entstehen zu lassen, Mythen, Parallelwelten, die alleine durch die Tatsache lebendig zu werden scheinen, dass es viele sind, die um ihre Entstehung kämpfen. Als Chronist interessieren mich weniger die Detailfragen des Gerichts oder die schachartigen Strategien der Macht. Ich bin immer ein Beobachter gewesen, der Gefühle ernst nimmt. Ich weine bei Massenveranstaltungen, ich weine, wenn ich die Reden Allendes oder Fidels sehe, oder der Genossen, die heute den Kontinent regieren. Mich bewegen die Worte mehr als die Taten, die Farben mehr als die Parolen und viel mehr die Gesten der Menschen als die Flaggen.

Ich suche eine Art Gleichgewicht zwischen meiner emotionalen und kreativen Unruhe und der harten Realität, die uns umgibt. Ich strebe danach, möglichst genau das auszudrücken, was mich berührt, aber gleichzeitig einige Züge professioneller Exaktheit zu bewahren. Zudem habe ich das Glück, dass einige glauben, meine Worte könnten über den privaten Kreis hinaus Bedeutung haben und veröffentlichen meinen Unsinn in diversen Medien auf dem Kontinent. Das, was ich heute geschrieben habe, diese Mini-Biografie, entsprang meinen Fingern mit derselben Geschwindigkeit wie meine Ideen. Ich hoffe, eines Tages ein Gedächtnis wie meine Großmutter zu haben, um sie fortführen zu können.

Übersetzung: Marcela Knapp

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