google earth – Los Superdemokraticos http://superdemokraticos.com Mon, 03 Sep 2018 09:57:01 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.8 Fegefeuer Shopping http://superdemokraticos.com/laender/kolumbien/fegefeuer-shopping/ Thu, 10 Nov 2011 13:55:17 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=5741 Das Feuer wird prüfen, was das Werk eines jeden taugt.
Hält das stand, was er aufgebaut hat, so empfängt er Lohn.
Brennt es nieder, dann muss er den Verlust tragen.
Er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch Feuer hindurch.
1. Korinther 3, 13 – 15

Als  Dotson Rader seinen Freund Norman Mailer fragte, wo er am 11. September 2001 gewesen sei, zu dem Zeitpunkt, als die Zwillingstürme angegriffen wurden, antwortete ihm der US-amerikanische Schriftsteller: genau hier, in meinem Haus in Provincetown…ich habe ferngesehen…es war eine große Erschütterung. Warum? Das einzige, was uns das Fernsehen verspricht, ist, dass das, was wir sehen, im Grunde nicht real ist. Daher führt das Fernsehen ja auch immer zu dieser leichten Verdummung. Die unglaublichsten Ereignisse, die allerschrecklichsten, hinterlassen einen Eindruck des Nichtvorhandenseins, wenn man sie auf dem kleinen Bildschirm sieht.

Ein deutliches Beispiel hierfür ist die Art und Weise, mit welcher die Information über den Mord an Guillermo León Sáenz, alias Alfonso Cano, durch das kolumbianische Militär behandelt wurde. Aus meiner Sicht war das, um es dezent auszudrücken, unsinnig. Die Journalisten (und auch einige Politiker, wie der jetzige Arbeitsminister Rafael Pardo) berichteten von dem Mord, als würde es sich um eine lobenswerte Tatsache handeln, und, was noch schlimmer ist, als würde uns diese Tatsache tatsächlich näher an eine vermeintliche, lebensrettende Hafenmole auf der rauen kolumbianischen See der Gewalt bringen. Was ich verstehe, ist, dass der Mord an alias Alfonso Cano nicht  der nationale Triumph ist, als den sie ihn uns verkaufen wollen, sondern ein Thermometer, das den exakten Punkt der Barbarei misst, an dem wir uns befinden.

Möglicherweise ist Mord für ein Mitglied des Militärs, also für einen Mann, der für den Krieg ausgebildet wurde, gleichbedeutend mit einem Triumph, und vielleicht erklärt das auch den Ausdruck der Zufriedenheit auf den Gesichtern der militärischen Spitze hinter dem Verteidigungsminister, als den Medien der offizielle Teil der Operation mitgeteilt wurde. Aber für uns Zivilisten, die auf ein Ende des Konflikts mittels Verhandlungen setzen, die wir an den Dialog als ein Werkzeug zur Lösung von Problemen, glauben, ist es definitiv kein Triumph. Für uns ist ein Mord ein Mord und genau deshalb sehen wir es auch als das an, was es ist, auch wenn der Ermordete ein bewaffneter Aufständischer war und damit aus dem rechtlichen Rahmen des Landes fiel.

Es sollte deutlich werden, dass ich die FARC nicht verteidige, auf gar keinen Fall, aber warum sollte man den Mord an einem Menschen feiern und dann auch noch auf diese Art und Weise? Was in jener Nacht geschah, war lediglich eine weitere Injektion Chauvinismus für das Land, und ich weiß nicht wie lange sie wirkt, aber solange sie wirkt, sorgt sie dafür, dass wir denken, ein Mord könne uns näher an den so sehr ersehnten Frieden bringen, den wir seit Jahrzehnten anstreben.

Aber das passiert nicht nur mit dem Fernsehen. So wie Descartes den Körper negierte und die Existenz des Menschen nur an der Funktion des Geistes festmachte, negieren heute viele Männer und Frauen ihre eigene Existenz, indem sie diese auf eine Art und Weise öffentlich machen, wie es vor einiger Zeit noch undenkbar gewesen wäre. Klingt zwar seltsam, ist aber so: Durch all ihr Zurschaustellen werden sie schlussendlich unsichtbar.

Facebook ersetzte gleichzeitig den ausschließlich familiären Charakter eines Fotoalbums, die Treffen von Angesicht zu Angesicht und ermöglichte Unterhaltungen jeglicher Art, erschuf neue Sprachen, eine Tatsache, die nicht an ihrer Attraktivität verliert, aber deshalb nicht minder gefährlich ist. Worin besteht die Gefahr? Die Gefahr besteht darin, dass persönliche Informationen an Fremde weitergegeben werden, die das ausnutzen und dem Einzelnen Schaden zufügen können.

Die Autobahnen der Netzwerke, in denen sich die Menschen heute bewegen, haben so sehr an Konventionen zugenommen, dass sie Ausfahrten jeglicher Art bieten, sogar extrem tragische. Es sollte auch gesagt sein, dass es keine Aischylose gibt, von denen die Tragödien verfasst werden, auch keine Figuren wie Medea und Jason, sondern Martha, Luis, Claudia oder Enrique, je nach Szenario. Es reicht, einen Computer zu besitzen, ein Benutzerkonto, das den Zugang zur virtuellen Gemeinde ermöglicht, und fertig. Und damit beginnen wir diejenigen zu sein, die wir nicht sind, die wir gerne sein würden und im Gegenzug bietet uns das Netz die Möglichkeit, zu einer sozialen Gruppe zu gehören, ohne wegen unserer körperlichen Merkmale oder unseres Verhaltens ausgeschlossen werden zu müssen. Demokratie sagen die einen, Demokratisierung der Technologie der Information und Kommunikation, drücken sich andere etwas stilisierter aus. Aber: ist es das wirklich? Oder ist es nicht eher so, dass sich die Demokratien – während all das passiert – als Vampire verkleiden und in ihrem Eifer nach sozialer und geographischer Kontrolle in einigen Ländern der Welt ein Ambiente des Terrors verbreiten? Ich persönlich tendiere eher zur zweiten Möglichkeit, und außerdem glaube ich, dass der demokratische Vampir nicht nur das Blut aus seinem Opfer saugt, sondern sogar dessen Kadaver verschwinden lässt, wenn er ihn nicht gerade als Medaille oder Trophäe benutzen kann, ihn veröffentlicht kann, wie im Falle Canos. Alles ist erlaubt. Lieben, leben und arbeiten, aber im Netz. Das Internet wurde zu einer effektiven Plattform, um zum Erfolg zu gelangen, aber auch um das Foto vom letzten Ausflug mit Freunden bis hin zum Foto des Toten zu veröffentlichen, jetzt mit der Menschheit in aufgelöster Geste.

Und damit erinnern die Unterkünfte des digitalen Raums stark an Sanatorien: die einzigen, die real erscheinen, sind diejenigen, die kontrollieren. Aber die Internierten wissen nicht wer es ist, der sie kontrolliert. Die Idee des Realen bestätigt sich somit nicht in einer Tat, sondern bleibt so wie sie ist, eine Idee, eine vage Idee, die betrachtet wird, als wäre sie real, und de facto wird das Wesentliche des Lebens, die natürliche Entwicklung des direkten Kontakts mit der Welt entwertet.  Das Individuum ist nun nicht mehr ein Befürworter der Topophilie, jetzt bewohnt der Mensch nicht mehr seinen Ort, aufgrund der Abwesenheit von Eros, poetisch gesprochen, da dieser virtuell geworden ist. Er erschafft sich Landschaften mit Photoshop und macht seine Reisen durch die Welt an Bord des Flugzeugs Google Earth, ohne Stewardessen.

Übersetzung: Barbara Buxbaum

 

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Der Blues der Globalität http://superdemokraticos.com/themen/globalisierung/der-blues-der-globalitat/ http://superdemokraticos.com/themen/globalisierung/der-blues-der-globalitat/#comments Tue, 05 Oct 2010 15:00:39 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=2394 Ich bin zwanghaft obsessiv. So wie ein Kokainabhängiger den halben Tag damit beschäftigt ist, Kokain zu besorgen, zu kaufen, mitgehen zu lassen, so investiere ich dieselbe Zeit in das Herunterladen von Musik. Ich habe furchtbare Entzugserscheinungen. Ich erleide die Beklemmungen eines Sammlers, komme nicht zur Ruhe, bis ich nicht die komplette Plattensammlung von Bands, die sonst niemanden mehr interessieren, herunter geladen habe. Fügen wir dem soeben Genannten hinzu, dass ich auch noch Originale sammle. Es gibt Alben, die mir den Schlaf rauben. Ich begnüge mich nicht mit der Musik. Ich brauche das booklet: das art, also: die Legende. So unwahrscheinlich diese auch sein mag.

Ich erinnere mich daran, wie die CD in meine Stadt kam (1989). Ich bekam Schaum vorm Mund, als ich Delicate Sound of Thunder von Pink Floyd im Schaufenster des Musikgeschäfts liegen sah. Zugegeben, das Format war mir egal, ich wollte den Inhalt. Ich war konservativ und penibel. Und ich blieb das eine Zeit lang, bis mir die Möglichkeit, gratis Musik aus dem Netz zu ziehen, den Komfort und Musik zum Abheben offenbarte (comfort y música para volar ist der Titel eines Albums der argentinischen Rockband Soda Stereo, Anm. d. Ü.). Um den spanischen Philosophen Eugenio Trías zu paraphrasieren: Es gibt keinen mächtigeren König, kein mächtigeres Gesetz, keinen mächtigeren Gott als das verfluchte Internet. Ich erinnere mich an den Kampf zwischen Apokalyptikern und Integrierten, der durch das Debüt der compact disc ausgelöst wurde. Die Puritaner hielten zur LP, die Avantgardisten zur neuen Erfindung. Es wurden unzählige Apologien und Diskreditierungen verfasst. Ich kaufte mir die Kassette, ich liebte es, mix tapes zu machen (vielleicht sind sie schuld an meiner schriftstellerischen Ader), ich war 11 Jahre alt, ich ging in die 6. Klasse, und ich hatte nicht das Geld, mir eine Stereoanlage mit CD-Spieler zu kaufen.

LP und Kassette wurden zu Geliebten des Vergessens und die CD übernahm die Herrschaft. Es stellte sich jedoch das selbe Problem wie mit den vorherigen Formaten ein. Manche CDs waren nirgends zu bekommen. So verging ein Jahrzehnt. Dann erhielten wir Zugang zum Gottvater Internet und unser Status veränderte sich, erst dank der Einkäufe über das Internet. Eine Zeit lang war ich ein gefundenes Fressen für Amazon, Ebay, Volver, etc. Ich bin es immer noch, aber weniger.

Dann fing ich an, Musik gratis herunter zu laden. Wie viele gemischte Gefühle, wie viel Befriedigung und wie viele Desillusionen hat mir diese Aktivität beschert. Nicht wenige befürchteten, im Gefängnis zu landen, wie es in den USA unter Berufung auf die Verletzung des Urheberrechts geschah. Aber, wie Cerati betont, ist nicht alle Musik im Internet. Ich bekomme heutzutage andauernd Migräne, weil ich nicht all die Musik, die ich suche, im Netz finde. Obwohl ich unter anderem von den Seiten Taringa, Bolachas, Emule, Isohunt Musik herunterlade, finde ich nicht alles, was ich haben möchte, wie beispielsweise: Alben der chilenischen Band namens Ex.

Es ist effektiv, von Seiten Musik herunter zu laden, die eine Link-Sammlung haben, aber da auf diesen Seiten viele Links nicht mehr funktionieren, muss ich auf die Musiksammlungen anderer Computer zurückgreifen. Seit Monaten bete ich dafür, dass ein Benutzer, der ein Album von Wilco besitzt, ins Netz geht. Aber San Juditas (der Heilige kleine Judas) erweist mir bisher kein Wunder. Gibt es den Heiligen Internet? Jeden Tag denke ich darüber nach, warum sich dieser verflixte Typ nicht mal mit dem Internet verbindet?  Was macht er? Geht er mit Frauen ins Bett? Ist er deshalb so beschäftigt? Aufgrund seines Benutzernamens weiß ich, dass er in Chicago wohnt. Ich schicke ihm über die download-Seite Nachrichten, aber er antwortet nicht. Ich kann nicht umhin, mir sein Leben auszumalen. Ich öffne Seiten, Foren, Blogs, die Anhaltspunkte über seine Email verraten. Ich erschaffe die Stadt anhand von Google Earth so wie James Joyce mit seinem Buch Dublin erschuf, ich spähe ihm nach, ich hab ihn scheißen sehen, aber ich hab nicht erlebt, dass er sich an seinen Computer setzt und ihn lange genug anlässt, um ein Album herunter zu laden. Und so geht es mir mit Typen von der ganzen Welt.

Jeden Morgen erwache ich mit einem einzigen Gedanken im Kopf. Eine Sitzung der Anonymen Alkoholiker aufzusuchen, mich mit einer Zigarette und einem Kaffee in der Hand auf die Tribüne zu begeben und zu sagen: Guten Abend, mein Name ist Carlos Velázquez und ich bin süchtig nach dem Herunterladen von Musik.

Übersetzung: Anne Becker

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Die Denker sind mitten unter uns http://superdemokraticos.com/editorial/die-denker-sind-mitten-unter-uns/ Sun, 26 Sep 2010 11:34:26 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=2297 Bevor du diesen Text lesen kannst, musst du eine globalisierte Handlung ausgeführt haben. Du hast deinen Rechner angeschaltet, eine Begrüßungsmelodie gehört, dein Desktop hat sich vor dir ausgebreitet wie eine Landkarte, vielleicht hast du ein privates Foto als Hintergrundbild eingestellt: dein Freund, deine Frau, dein Baby, ein Schnappschuss von deiner letzten Reise, einen Helden, Sänger, Fußballer. Deine Ordner und Dokumente liegen verteilt vor dir wie kleine Inseln. Mit einem Mausklick, den deine Hand wie  dressiert ausgeführt hat, öffnest du den Browser (Firefox, Explorer, Safari, Netscape…), und das Netz öffnet sich für dich. Vor dir liegt die globale Unendlichkeit, eine vierte Dimension aus Raum und Zeit. Mit diesen Handlungen hast du den Ritus des „Netizen“ vollzogen. Der Netizen hat Macht. Er kann nicht nur das Netz passiv nutzen, sondern er kann es, durch Blogs, Twitter, Kommentare, Videos, Fotos, aktiv mitprägen, der bulgarische Philosoph Ivaylo Ditchev nennt das die Kultur des permanenten reflexiven Feedbacks.

Mit den Superdemokraten versuchen wir genau das. Wir stellen Fragen und sammeln Antworten, die wir auf zwei, fast drei Sprachen veröffentlichen. Anhand der Denklinien unserer 20 Autorinnen und Autoren entsteht eine neue politische, globale Theorie, die durch eine neue Sprache, neues Vokabular und durch für unsere Generation wichtige Persönlichkeiten (Deleuze/ Guattari, Renato Ortiz, Tzvetan Todorov, Rimbaud, Lady Gaga… um nur einige zu nennen) definiert wird. Da gibt es jetzt den „Globalichiater“ (Carlos Velázquez), den wir „vagabundierenden Parias“ (Calcagno) aufsuchen, wenn uns die „binäre Schlange“ (Tilsa Otta) bedroht. Den Dichter, der auf Ttzotzil schreibt (Luis Felipe Fabre), haben wir bereits als Präsidenten unserer virtuellen Gemeinschaft erwählt.

Wir kämpfen dagegen an, dass unser Denken genauso globalisiert wird wie unsere Handlungen. Wir sind digitalte Conquistatoren, mit dem Ziel, neue Wahrnehmungen zu erschließen. Fortan ist für mich jede Mango eine Mango unter dem Weihnachtsbaum (Karen Naundorf) und Multikulturalismus nur ein globaler Sticker (Monica Lizabel).

Dem globalen Medienmarkt mangelt es inbesonders an historischem Gedächtnis, welches es dem Besucher ermöglichen würde, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu vergleichen und bestimmen zu können, was wirklich neu und wahrlich zeitgenössisch an der Gegenwart ist.

Boris Groys, Art Power, „The Logic of Equal Asthetic Rights“

Früher wollte ich die Orte bereisen, die noch nicht von Google Earth erfasst sind. Sobald Google keine Satellitenbilder von einem Ort vorliegen, wird die Fläche einfach irgendwie erdig eingefärbt, mit einer Pseudo-Physiognomie versehen, so dass nicht auffällt, dass an dieser Stelle Menschen siedeln. Und das ist das Gute: Niemand hat bisher die gesamte Welt regiert (Emma Braslavsky), auch nicht Google, aber du kannst heute damit anfangen, deinen Ort sprachlich und denkend zu bestimmen und ihm die Geschichte zurückzugeben. Eigentlich haben wir schon damit angefangen. Danke an euch alle!

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Wer hat denn schon die ganze Welt regiert? http://superdemokraticos.com/themen/globalisierung/wer-hat-denn-schon-die-ganze-welt-regiert/ Fri, 24 Sep 2010 07:04:57 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=2256 Ich bin froh, dass ich im Augenblick nicht auf hoher See dahintreiben muss, um den Seeweg nach Indien zu suchen. Ich danke all den tapferen Seefahrern, Entdeckern und Abenteurern, dass mir diese Strapazen heute erspart bleiben können. Wenn mir Google Earth nicht immer wieder die Sachverhalte bestätigen würde, die wir alle in Geographie gelernt haben, würde ich vor Neugier platzen und am Ende selbst in See stechen müssen. Und wie schon der Titel eines Buches von Ilja Trojanow suggerieren will: Die Welt ist groß und Rettung lauert überall, ist die Welt in unsere Köpfe eingezogen und bietet uns unendlich scheinende Welten, in die wir reisen können. Migration verliert durch die Linse der Globalisierung betrachtet ihre ausländische Schattierung. Plötzlich scheinen wir alle Teil einer großen Fremde oder eines ganzen Planeten zu sein.

Doch die Erde hat für mich seltsame Flecken. Sie ist politisch segmentiert und zerfasert, und diese Fragmentation erinnert mich immer wieder daran, dass der Weltbürger ein Ideal und kaum real ist, denn jeder Bürger würde an Barrieren von Nationalstaatenpolitiken scheitern, noch bevor er Welt– oder Weltenbürger werden könnte. Und das schon seit Columbus. Die Welt ist groß? Nicht für jeden. Rettung? Kommt drauf an. Wer hat denn nun die ganze Welt regiert? – Niemand! Und das wird auch niemand, denn die ganze Welt passt nicht in einen einzigen Kopf. Selbst Geld gibt es nicht überall, also: Money doesn‘t rule the whole world, but just a part of it.

Wie könnte ich trotzdem noch Weltbürger im Geiste Humboldts werden? Würde es reichen, dass ich mehr als sechs Monate im Jahr in Flugzeugen verbringen würde und damit meinen ersten Wohnsitz in Deutschland verlöre? Ich bekäme Ärger und wäre gezwungen, mich auf einen Wohnsitz festzulegen – der Steuern wegen, denn Weltsteuern gibt es nicht. Wäre ich staatenlos, wäre ich verloren, keiner würde was mit mir zu tun haben wollen. Ich hätte horrende Einreiseprobleme, weil nicht klar wäre, wohin ich gehörte – ich könnte ein Feind sein! Der Status Frau von Welt ist da schon einfacher zu erreichen, da braucht man bloß ein bisschen zu reisen und viele exotische Geschichten zu erzählen. Dabei ist einem sogar das Internet behilflich. Weltbürger, mit allem was die Begriffe Welt und Bürger mit sich bringen, kann schon aus nationalstaatlichen Verfassungen heraus bis heute niemand werden. Der Begriff ist zu ideal, denn so rund ist die Erde schließlich auch wieder nicht, wie wir sie uns vorstellen.

Globalisierung ist ebenfalls ein Ideal, denn die politischen Asymmetrien auf diesem Planeten widerstreben ihr. Sie ist so ein Unbegriff wie universal oder total. Ideale sind Druckmittel, aber keine echten Zustände. Und unglaublicherweise konnte Humboldt nur das Ideal von Weltbürger werden, weil schon zu seinen Lebzeiten der Planet in den Köpfen vieler Leute globalisiert war. Seine Ideale sind aber bis heute Ideale geblieben. Globalisierung hat doch zum einen mit der Frage zu tun: Wie kommt die ganze Welt in meinen Kopf? Und die Antwort darauf kapituliert zumeist vor der Angst vor dem Verlust an kultureller oder sozialer Schwerkraft. Aber die Welt umfasst nun mal die ganze Erde, global gesehen oder nicht.

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Die mundialisierte Literatur in 3 Punkten http://superdemokraticos.com/themen/globalisierung/die-mundialisierte-literatur-in-3-punkten/ http://superdemokraticos.com/themen/globalisierung/die-mundialisierte-literatur-in-3-punkten/#comments Fri, 17 Sep 2010 07:10:26 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=1930 0.- Mundialisierung

* Ich bevorzuge den Terminus „Mundialisierung“ (mundializaçao), den der Brasilianer Renato Ortiz zur Konzeptualisierung der kulturellen Dimension der Globalisierung geschaffen hat. Denn wir stimmen wohl darin überein, dass transnationale Konzerne und Flughäfen eine Sache sind und eine ziemlich andere die Aneignung des Fremden seitens lokaler Kulturen. Hier würden Deleuze und Guattari ihren leicht abgedroschenen Zungenbrecher einwerfen: Deterritorialisierung und Reterritorialisierung.

* Ich sehe das so: Ein neues Lied von Madonna wird auf den Markt gebracht, angekurbelt von transnationalen Werbetrommel, und erobert alle Radiosender der Welt. Dennoch wird zu dem Lied in jeder Kultur in einem anderen Takt getanzt. Ein Schwede könnte nicht genauso wie ein Venezolaner zu dem Lied tanzen, so viel er auch üben würde. Aber nicht davon, sondern von Literatur möchte ich reden. Also ist dies hier der Nullpunkt.

1.- Deutschland

* Der mexikanische Schriftsteller Jorge Volpi ist zu einem klassischen Beispiel des globalen Schriftstellers geworden. 1999 überraschte er damit, dass sein Roman „En busca de Klingsor“ (dt.: Das Klingsor-Paradox) in Deutschland während des 2. Weltkriegs spielte. Und dass er erklärte, niemals in Berlin gewesen zu sein. Ab einem gewissen Zeitpunkt waren es die lateinamerikanischen Schriftsteller leid, über fliegende Nonnen und all die Ikonen des Magischen Realismus zu schreiben, und sie widmeten ihr Schreiben sehr realen Städten, der Popkultur, und sogar Ländern, in denen sich noch nicht einmal gewesen waren.

* Ich habe gerade die ersten Geschichten aus dem Buch „El mundo sin las personas que lo afean y lo arruinan“(Die Welt ohne die Personen, die sie verunstalten und ruinieren) von Patricio Pron gelesen, einem argentinischen Schriftsteller, der bis vor kurzem in Deutschland lebte. Alle Geschichten spielen in Deutschland und sind so deutsch, dass ich gedacht hätte, dass sie von einem deutschen Schriftsteller stammen würden, hätte ich nicht den Klappentext gelesen.

* In meiner Kurzgeschichte „El perro de Nina Hagen“ (Der Hund von Nina Hagen)  geht die Protagonistin in eine Bar in einer Straße in Berlin, die ich aus google maps heraus gesucht habe. Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass ich gerade einmal ein paar Stunden auf dem Frankfurter Flughafen verbracht habe, auf dem Weg nach Tel Aviv.

* Deutschland, aber auch jedes andere fremde Land. Bücher, die geschrieben werden dank Fotos, Filmen, Information aus dem Internet, google earth, kurzen Aufenthalten, Erzählungen von Freunden.

2.- Nullpunkt

* Es gibt eine Kurzgeschichte von Eduardo Berti, die ich hervorragend finde. Sie heißt „La carta vendida“ (Der verkaufte Brief) und spielt an einem Ort mitten im Nichts, in einem wer weiß wo liegenden Kreideabbau. Ich weiß nicht warum, aber ich nehme an, es ist ein lateinamerikanisches Land. Für die Geschichte sind sowohl der Ort als auch die Zeit irrelevant.

* Es ist unmöglich, den realen Schauplatz der Geschichten, die ich von Eduardo Berti gelesen habe, auszumachen. Sie spielen wohl in einem lateinamerikanischen Land, aber in welchem?

* Der argentinische Schriftsteller Marcelo Cohen hat einen Kontinent erschaffen: Das Panoramadelta. Und er verortet außerdem jede seiner Geschichten auf einer der von ihm erfundenen Inseln. Marcelo Cohen hat einmal gesagt, dass jeder Schriftsteller sich gut überlegt, in welchem Raum sich seine Figuren bewegen, aber dass dieses Thema bei den außerhalb ihres Heimatlands lebenden Schriftstellern zur Obsession wird.

* Gibt es eine Literatur, die nirgends verortet ist und die überall gelesen werden möchte? Eine Literatur, die sich mundialisieren möchte, die sich von hier nach dort bewegt, die heimatlos ist? Oder ist es eher so, dass die Zirkulation von Menschen, Essen, Stilen, Wiederholungen, Flughäfen dazu führt, dass die schreibende Person vom einem Ort aus schreibt, der vom Globalen durchkreuzt wird, weil auch seine Identität vom Globalen durchkreuzt ist?

3.- Todorov und ich

* Todorov meinte, dass die Globalisierung für die Literatur wunderbar sei. Er bezog sich dabei auf genau diese Möglichkeit, alles zu lesen, ohne sich vom Fleck zu bewegen.

Ich würde es nicht wunderbar nennen, aber ich glaube schon, dass für diejenigen, die unter freiem Himmel schreiben – nomadische Schriftsteller mit diskontinuierlichen Identitäten – die Mundialisierung der Kultur der einzig mögliche Ozean ist. Wunderbar? Ich weiß nicht.

Übersetzung: Anne Becker

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